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Deutschland global?

by Bernhard Lösch last modified 14. 06. 2006 18:49

Joachim Jahnke. Mit falschen Rezepten in die Globalisierung. Februar 2005, BoD GmbH Norderstedt, ISBN 3833424818

Das vorherrschende angelsächsische Globalisierungskonzept hat den Faktor Kapital gegenüber dem Faktor Arbeit enorm gestärkt und gefährdet längerfristig global die menschlichen und natürlichen Ressourcen. Das Kapital hat oft und anders als die meisten Arbeitnehmer keine spezifische Heimat mehr. Das alte "Trade, not Aid" - ursprünglich zugunsten der ärmsten Entwicklungsländer entworfen - ist großenteils in ein selbstsüchtiges Schema abgeglitten, wobei Hauptbegünstigte auf der Kapitalseite der Industrieländer residieren und die - oft auf ihren eigenen Anlagen - in sogenannten Schwellenländern, vor allem in Asien und Osteuropa, billigst gefertigten Waren von dort importieren. Zugleich wird das neoliberale angelsächsische Gegenmodell zur sozialen Marktwirtschaft verbreitet, mit dem Deutschland angesichts seiner entgegengesetzten Tradition wenig Chancen hat. Meinungsführer aus der politischen Klasse Deutschlands erzeugen mit Reformdruck Ängste und in einer Abwärtsspirale Kaufenthaltung und letztlich Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig treiben die Regierungen die Globalisierung ständig weiter voran.

Der Exporterfolg Deutschlands in den letzten Jahren baut primär auf gestiegener Wettbewerbsfähigkeit im Euro-Raum, aber auch anderswo, dank im Vergleich zu den Wettbewerbern größerer Lohnzurückhaltung auf, dies jedoch um den Preis eines der Gründe für die Dauerstagnation der Binnennachfrage mit der Folge hoher Arbeitslosigkeit. Richtig wäre ein anderes Globalisierungskonzept, das einerseits im europäischen Raum die soziale Solidarität innerhalb der Gesellschaften verteidigt, andererseits aber auch mit ausreichendem Schutz gegen unfairen Wettbewerb durch viele Formen von Sozial-, Steuer-, "Währungs"- und Umwelt-Dumping absichert. Ein solches Konzept müßte die extreme deutsche Abhängigkeit von unsicheren Exportmärkten und Wechselkursen vermindern und weit mehr Schwergewicht auf die Binnenkonjunktur legen. Sein Ziel wäre vor allem ein weit geringeres Angstniveau in der Bevölkerung. Das derzeitige, für die letzten 50 Jahre einmalig hohe Maß an Ängsten in vielen kontinentaleuropäischen Ländern hindert die Mehrheit der Menschen auch noch daran, mit natürlicher Konsumfreude ihr sauer verdientes Geld auszugeben, und zwingt sie praktisch, erheblich unter ihren sozialen Möglichkeiten zu leben.

Schwellenländer in Asien und Osteuropa verdrängen heimische Produktion zunehmend nicht nur am einfachen Ende. Im Ergebnis muß wohl das „Grundgesetz" des internationalen Wirtschaftsverkehrs von den komparativen Kostenvorteilen, demzufolge hochentwickelte Industrieländer immer nur die einfachen Produktionen abgeben müssen und dafür Ersatzarbeitsplätze in höherwertiger Produktion schaffen können, was seine Auswirkungen angeht, erheblich eingeschränkt werden. Ein Land wie Deutschland verliert gegenüber technologisch ehrgeizigen Niedrigkosten-Ländern, wie z.B. China, zunehmend einen sehr großen Teil seiner ursprünglichen komparativen Kostenvorteile und bleibt auf immer mehr Nachteilen sitzen. Selbst Nobelpreisträger Paul Samuelsen wirft für die USA zu den komparativen Kostenvorteilen neuerdings kritische Fragen auf.

Einige Schlußfolgerungen zur Verteidigung eines kontinental-europäischen, human- und umweltverträglicheren Konzepts der Globalisierung mögen für die, die sich mit dem derzeitigen Zustand der Globalisierung abgefunden haben oder immer noch an leichter umsetzbare Lösungen glauben, utopisch klingen. Dabei stehen aber weit totalere Formen der Globalisierung nach angelsächsischen Rezepten erst noch bevor, zunehmend auch bei Dienstleistungen.

Deutschland - als ein im Weltmaßstab sehr reiches Land, mit einer perfekten Infrastruktur sowie Gesundheitseinrichtungen, relativ intakter Umwelt, hoher Arbeitsproduktivität, verantwortungsbewußter Arbeitnehmerschaft, integerem öffentlichen Dienst und einer hervorragenden Außenwirtschaftssituation - kann zusammen mit anderen europäischen Partnern - immer noch bestimmen, ob es Täter oder Opfer eines falschen Konzepts der Globalisierung oder keines von beiden sein will.

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