Deutschland global?
Joachim Jahnke. Mit falschen Rezepten in die Globalisierung. Februar 2005, BoD GmbH Norderstedt, ISBN 3833424818
Das vorherrschende angelsächsische Globalisierungskonzept hat den
Faktor Kapital gegenüber dem Faktor Arbeit enorm gestärkt und gefährdet
längerfristig global die menschlichen und natürlichen Ressourcen. Das
Kapital hat oft und anders als die meisten Arbeitnehmer keine
spezifische Heimat mehr. Das alte "Trade, not Aid" - ursprünglich
zugunsten der ärmsten Entwicklungsländer entworfen - ist großenteils in
ein selbstsüchtiges Schema abgeglitten, wobei Hauptbegünstigte auf der
Kapitalseite der Industrieländer residieren und die - oft auf ihren
eigenen Anlagen - in sogenannten Schwellenländern, vor allem in Asien
und Osteuropa, billigst gefertigten Waren von dort importieren.
Zugleich wird das neoliberale angelsächsische Gegenmodell zur sozialen
Marktwirtschaft verbreitet, mit dem Deutschland angesichts seiner
entgegengesetzten Tradition wenig Chancen hat. Meinungsführer aus der
politischen Klasse Deutschlands erzeugen mit Reformdruck Ängste und in
einer Abwärtsspirale Kaufenthaltung und letztlich Arbeitslosigkeit.
Gleichzeitig treiben die Regierungen die Globalisierung ständig weiter
voran.
Der Exporterfolg Deutschlands in den letzten Jahren baut primär auf
gestiegener Wettbewerbsfähigkeit im Euro-Raum, aber auch anderswo, dank im Vergleich zu den
Wettbewerbern größerer Lohnzurückhaltung auf, dies
jedoch um den Preis eines der Gründe für die Dauerstagnation der Binnennachfrage mit der Folge hoher Arbeitslosigkeit.
Richtig wäre ein anderes Globalisierungskonzept, das einerseits im europäischen Raum die soziale Solidarität
innerhalb der Gesellschaften verteidigt, andererseits aber auch mit ausreichendem Schutz gegen
unfairen Wettbewerb durch viele Formen von Sozial-, Steuer-, "Währungs"- und Umwelt-Dumping absichert. Ein solches
Konzept müßte die extreme deutsche Abhängigkeit von unsicheren Exportmärkten und Wechselkursen vermindern und weit mehr
Schwergewicht auf die Binnenkonjunktur legen. Sein Ziel wäre vor allem ein weit geringeres Angstniveau
in der Bevölkerung. Das derzeitige, für die letzten 50 Jahre einmalig hohe Maß an Ängsten in vielen kontinentaleuropäischen
Ländern hindert die Mehrheit der Menschen auch noch daran, mit natürlicher Konsumfreude ihr sauer verdientes Geld auszugeben,
und zwingt sie praktisch, erheblich unter ihren sozialen Möglichkeiten zu leben.
Schwellenländer in Asien und Osteuropa verdrängen heimische Produktion
zunehmend nicht nur am einfachen Ende.
Im Ergebnis muß wohl das „Grundgesetz" des internationalen
Wirtschaftsverkehrs von den komparativen
Kostenvorteilen, demzufolge hochentwickelte Industrieländer immer nur
die einfachen Produktionen abgeben müssen und dafür Ersatzarbeitsplätze
in höherwertiger Produktion
schaffen können, was seine Auswirkungen angeht, erheblich eingeschränkt
werden. Ein Land wie Deutschland verliert gegenüber technologisch
ehrgeizigen Niedrigkosten-Ländern, wie z.B. China, zunehmend einen sehr
großen Teil
seiner ursprünglichen komparativen Kostenvorteile und bleibt auf immer
mehr Nachteilen sitzen. Selbst Nobelpreisträger Paul Samuelsen wirft
für die USA zu den komparativen
Kostenvorteilen neuerdings kritische Fragen auf.
Einige Schlußfolgerungen zur Verteidigung eines
kontinental-europäischen, human- und umweltverträglicheren Konzepts der
Globalisierung mögen für die, die sich mit dem
derzeitigen Zustand der Globalisierung abgefunden haben oder immer noch
an leichter umsetzbare Lösungen glauben, utopisch klingen. Dabei stehen
aber weit totalere Formen der Globalisierung nach
angelsächsischen Rezepten erst noch bevor, zunehmend auch bei
Dienstleistungen.
Deutschland - als ein im Weltmaßstab sehr reiches Land, mit
einer perfekten Infrastruktur sowie Gesundheitseinrichtungen,
relativ intakter Umwelt, hoher Arbeitsproduktivität, verantwortungsbewußter Arbeitnehmerschaft,
integerem öffentlichen Dienst und einer hervorragenden Außenwirtschaftssituation - kann
zusammen mit anderen europäischen Partnern - immer noch bestimmen, ob es Täter oder Opfer eines
falschen Konzepts der Globalisierung oder keines von beiden sein will.

